Rotblättchen 10/05 - WiWi-Professur aus Studiengebühren
Nach der Landtagswahl in der letzen Woche sind viele Fragen offen geblieben: Wer hat gewonnen? Wer wird regieren? Was bedeutet das für den Bund?
Andere Dinge waren dagegen klarer: Schwarz-Gelb wurde - nicht zuletzt wegen der desaströsen Bildungspolitik - abgewählt. Dass die Tage der Studiengebühren gezählt sind, scheint aber an der Bielefelder Fakultät für Wirtschaftswissenschaften vorbei gegangen, war doch just in der Woche vor der Wahl zu lesen, dass dort eine Professur aus Studiengebühren ausgeschrieben wird. (link)
Die Professur läuft als halbe Stelle über 5 Jahre. Die WiWi-Fakultät scheint also fest an die Zukunft von Studiengebühren zu glauben. Oder hat sie nur in der Vergangenheit ausreichend Geld für ’schlechte Zeiten’ gebunkert? Das würde zwar dem Grundsatz, die Gelder zeitnah auszugeben, um auch die heute zahlenden Studis profitieren zu lassen, widersprechen, aber wir erinnern uns an den letzten Jahresabschluss der Uni: Auf die Antwort des Rektorats an das StuPa, woran es denn liegt, dass 11,6 Mio an nicht ausgegebenen Studiengebühren-Euros auf Konten der Uni liegen (zahlen wir etwa mehr, als die Uni ausgeben kann?) warten wir noch.
Abgesehen davon wirft die WiWi-Ausschreibung als Präzedenzfall aber eine Reihe weiterer Fragen auf:
1. Laut Bundesverfassungsgericht sind alle Bundesländer verpflichtet, gleichermaßen Studierende aufzunehmen. Wie viele das jeweils sind, ergibt sich aus der Zahl der ProfessorInnen. Mehr Professuren, mehr Studierende. Die Bielefelder WiWis müssten also mehr Studienplätze anbieten. Studiengebühren dürfen jedoch nur für die Verbesserung der Lehre verwendet werden. Wenn aber eine neue Professur mit mehr Studierenden einhergeht, wo bleibt dann der positive Effekt auf die Qualität der Lehre, wenn die Betreuungsrelationen gleich bleiben? Man könnte folgern: bei der gegebenen rechtlichen Situation und der Haltung der Studierenden zu Studiengebühren scheint eine Klage gegen eine Anpassung der Studienplätze nicht allzu abwegig.
2. Eine halbe, befristete, ‘nackte’ Professur bedeutet für den oder die BewerberIn: Man verdient nur die Hälfte und weiß nicht, was nach Ablauf dieser Frist ist. Zudem sind keine MitarbeiterInnen, kein Sekretariat, keine andere personelle Unterstützung ausgeschrieben. Die könnten natürlich hinzu kommen. Aber wer zahlt die?
3. Vorausgesetzt, die Erlaubnis, ein ‘Prof.’ vor dem Namen zu tragen, verbessert die Lehre einer Person maßgeblich: Dann scheint es vor allem um eine qualitative Verbesserung (bei sechs SWS geht es wohl weniger um die Quantität) der Lehre zu gehen. Aber wer bewirbt sich auf eine halbe, befristete Stelle? Vermutlich Personen, die bisher noch keine unbefristete Professur ergattern konnten? Wäre man überrascht, wenn der oder die neue Prof. sich andernorts um eine volle, unbefristete Professur bemühen würde? Spannende Frage: Wann kommt der attraktivere Ruf der anderen Uni?
4. Bedeutet der Satz ‘Die Professur wird aus Studienbeiträgen finanziert’ in der Ausschreibung, dass wir mit unseren Studiengebühren auch die Forschungsleistung der Professur mitfinanzieren?
5. Welchen Stellenwert kann und wird die Lehre in diesem Berufungsverfahren überhaupt haben? Sind doch Forschungsreputation - und nicht zu vergessen: die Fähigkeit Drittmittel einzuwerben - in der Regel der Entscheidungsfaktor schlechthin.
6. Wer zahlt die anfallenden Versorgungslasten? Bisher wurden die professoralen Rentenleistungen vom Land getragen. Das wird, bei einer nicht vom Land getragenen Professur, nicht mehr der Fall sein.
Wir glauben zusammenfassend, dass eine Professur unter diese Umständen zu unattraktiv und rechtlich zu unsicher ist, als dass sie wirklich ‘Gute Lehre’ garantieren könnte und ihr - unser - Geld wert wäre. Aus diesen Gründen haben wir uns in der Vergangenheit in Senat und Gremien immer vehement gegen studiengebührenfinanzierte Professuren ausgesprochen.
Dass die Fakultät für Wirtschaftswissenschaften und das Rektorat nun versuchen, heimlich still und leise einen Präzedenzfall zu schaffen, wird so nicht funktionieren. Wer unser Geld zum Fenster rausschmeissen will, der muss sich auch der öffentlichen Diskussion stellen!
« Für kulturelle Vielfalt und friedliches Miteinander! Gegen menschenverachtenden Rassismus und Islamfeindlichkeit! | Startseite | StuPa-Wahl 2010: Juso-HSG = Liste 7 »

1 Kommentar
Kommentieren...?! | Kommentar-RSS abonnieren | Trackback-Adresse