Stipendien: das neue Zauberwort zur Elitenförderung

Die ‘Bildungsrepublik’ wird ausgerufen und die, die unser Bildungssystem ganz besonders leistungsfähig machen wollen, werden nicht müde zu erklären: “Dazu brauchen wir mehr Stipendien!”

Brauchen wir mehr? Wer bekommt die eigentlich? Und wer profitiert von dem neuen Stipendienprogramm unseres FDP-Innovationsministers Andreas ‘Pinky’ Pinkwart?

In Deutschland wurde in den letzten Jahren rund ein Prozent aller Studierenden mit einem Stipendium der so genannten Begabtenförderungswerke gefördert. Die Begabtenförderungswerke stehen in der Regel den im Bundestag vertretenen Parteien, den Kirchen, der Wirtschaft oder den Gewerkschaften nahe. Die Geförderten erhalten ein Grundstipendium, dass sich an den BAföG-Richtlinien orientiert, aber nicht zurückgezahlt werden muss, sowie 80 Euro Büchergeld pro Monat. Zusätzliche Unterstützung bei Auslandsaufenthalten und ideelle Förderung durch Seminare, Sommerakademien oder MentorInnenprogramme werden ebenfalls bereitgestellt.1

Und wer bekommt nun so ein Stipendium?

In ihren Förderrichtlinien beschreiben die Stiftungen ihre Zielgruppe als Studierende, die hoch motiviert, mit überdurchschnittlichen Leistungen und gesellschaftlich engagiert sind. Zudem müssen die StipendiatInnen zumeist politisch oder konfessionell zu den einzelnen Stiftungen passen. Soviel zur Theorie. Aber wer wird am Ende wirklich gefördert?

Im letzten Jahr veröffentlichte das HIS – Hochschul Informations System - eine Studie, die durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in Auftrag gegeben wurde. Das wenig überraschende Ergebnis: Die Förderung genießen hauptsächlich Kinder aus AkademikerInnenfamilien, also solche, bei denen die finanziellen Belastungen eines Studiums selten abschreckend wirken.

Die Bildungsungleichheit wird durch bestehenden Stipendien nicht nur nicht ausgeglichen, sie wird sogar weiter verschärft: So kamen bei der größten Stiftung, der Studienstiftung des Deutschen Volkes, 64% der Geförderten aus einem Elternhaus mit einem als hoch eingestuften sozialen Status, während lediglich fünf Prozent über einen als ‘niedrig’ bezeichneten Hintergrund verfügen. Auch unter Berücksichtigung der Tatsache, dass sich die Studierendenschaft - nicht zuletzt aufgrund des ungerechten weil höchst selektiven deutschen Schulsystems - bereits sozial ungleich zusammensetzt, zeigt sich, dass der Anteil der Geförderten aus sozial ‘besser’ gestellten Elternhäusern deutlich Überdurchschnittlich ist.2

Das neue innovative Programm von Pinky

Nun wurde, auch um die Einführung der Studiengebühren zu legitimieren, von unserer schwarz-gelben Landesregierung ein neues Stipendienprogramm eingeführt. An der Uni Bielefeld wurden im letzten Jahr knapp 50 dieser Stipendien vergeben. Dass diese Zahl im Verhältnis zu den rund 17.500 zahlenden Studierenden lächerlich gering ist, braucht eigentlich nicht weiter erwähnt werden. Es geht uns an dieser Stelle aber vor allem darum, auch mal zu schauen, wer eigentlich gefördert werden soll.

Im Auftrag ‘Ihrer Innovativität’: Der Studienfonds OWL

In Bielefeld übernimmt die Vergabeentscheidung und Betreuung der Studienfonds OWL. Dieser wird von den OWL-Hochschulleitungen auch immer wieder als soziale Abfederung von Studiengebühren ins Feld geführt. Der Studienfonds OWL nimmt sich den Richtlinien des Ministeriums an und vergibt die Stipendien ausschließlich aufgrund sehr guter Schul- bzw. Studienleistungen3. Die 300 Euro pro Monat werden unabhängig von der finanziellen Situation an jedeN vergeben - eine Doppelförderung über Stipendien der Begabtenförderungswerke oder BAföG ist nicht ausgeschlossen. Plakativ gesprochen: auch wessen Eltern Millionen auf dem Konto haben - die 300 Euro monatlich sind sicher. So stellt sich ‘Innovations’minister Pinkwart also ’soziale Abfederung der Studiengebühren’ durch Stipendien vor.

Der Studienfonds OWL - das sei an dieser Stelle nicht verschwiegen - verfolgt auch eine zweite Förderlinie: die Vergabe von Stipendien aufgrund sozialer Bedürftigkeit. Deren Höhe beträgt jedoch lediglich 1000 Euro pro Jahr, also weniger als 100 Euro im Monat. Im letzten Jahr wurden etwa zehn Prozent der StipendiatInnen (bei der geringeren Förderungssumme sind das etwas mehr als drei Prozent der Fördergelder) aufgrund ihrer vom Studienfonds anerkannten sozialen Bedürftigkeit gefördert. Man könnte sich die Frage stellen, ob dieser Förderzweig wirklich ernst gemeint ist, oder ob er nicht eher eine Alibi-Funktion erfüllt. So kann man nämlich auch weiter wunderbar behaupten, man verfolge das Ziel dazu beizutragen, dass auch vor dem Hintergrund der Einführung von Studienbeiträgen jeder, der geeignet und motiviert ist, ungeachtet der sozialen Herkunft und der finanziellen Lage, in OWL studieren kann.4 So zumindest verspricht es auch der Studienfonds auf seiner Homepage und so steht es in seiner Satzung.

Also alles Mist! –Was schlagen wir vor?

  • Dass Studiengebühren abgeschafft gehören ist nicht neu, das wiederholen wir gebetsmühlenartig. Irgendwann werden die Argumente gehört…
  • Die Argumentation, Stipendien leisteten einen sozialen Ausgleich, ist bei der Zusammensetzung der aktuell geförderten StipendiatInnen falsch. Die Auswahlverfahren der Stiftungen sollten dahingehend überprüft werden, ob sie Kinder aus Nicht-AkademikerInnenfamilien benachteiligen. Es liegt nahe, dass Antworten zu Fragen über Kunst und Kultur stark von der familiären Sozialisation abhängen. Diese scheinen in Auswahlgesprächen eher fehl am Platze. Der bisherigen Biografie der BewerberInnen sollte mehr Gewicht gegeben werden.
  • Wir fordern, dass materielle Förderung an Bedürftigkeit gemessen werden muss. Das bedeutet nicht, dass irgendjemand, weil er oder sie zu viel Geld hat, von einem Stipendium ausgeschlossen werden soll. Auch wer materiell abgesichert ist profitiert von ideeller Förderung. Aber die 300 Euro sind bei anderen Studierenden besser aufgehoben.
  • Ein Leistungsbegriff, der nur auf Studien- oder Schulleistungen zielt, ist zu eng gefasst. Gesellschaftliches Engagement und Biographie müssen bei der Auswahlentscheidung stärker mit einbezogen werden.
  • Bei einem Prozent geförderter Studierender - und auch wenn dieser Prozentsatz in den nächsten Jahren steigen sollte - kann es nicht Ansatz der Politik sein, die finanzielle Absicherung der Studierenden über Stipendien zu organisieren. Das BAföG ist hingegen unabhängig von politischer oder konfessioneller Anpassung und vom guten Willen einer Stiftung und steht der breiten Masse offen. Die finanzielle Situation der Studierenden muss allgemein verbessert werden. Die richtigen Instrumente dafür sind eine Anhebung der BAföG-Sätze und der Freibeträge, eine Ausweitung des Kreises der Förderungsberechtigten, sowie eine Verringerung der Schuldenlast der EmpfängerInnen.

1         http://www.stipendiumplus.de/index.php

2         http://www.zeit.de/2009/40/C-Begabtenfoerderung?page=all

3         http://www.uni-bielefeld.de/studienfonds-owl/Forderrichtlinien-Studienfonds-OWL_Leistung_2010_03_01.pdf

4         http://www.studienfonds-owl.de/

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